PTBS verstehen: Wenn das Nervensystem im Alarm bleibt
- Jessica Tunis Mannen

- 11. Nov. 2025
- 7 Min. Lesezeit

Vielleicht hast du schon von PTBS gehört, der Posttraumatischen Belastungsstörung. Viele denken dabei zuerst an Soldaten oder Menschen, die extreme Ausnahmesituationen erlebt haben. Und ja – auch dort kommt PTBS häufig vor. Aber PTBS entsteht in viel mehr Lebenssituationen, als man auf den ersten Blick erkennt.
PTBS kann entstehen, wenn etwas im Leben so überwältigend war, dass Körper und Psyche es nicht vollständig verarbeiten konnten.Das kann sein:
• ein Unfall
• emotionale oder körperliche Gewalt
• Mobbing über einen langen Zeitraum
• plötzlicher Verlust eines geliebten Menschen
• ein Geburtserlebnis, das zu viel war
• schwere Krankheit oder ein Eingriff
• Momente, in denen das eigene System einfach „überladen“ wurde und vieles mehr...
Es geht also nicht darum, wie „schlimm“ etwas von außen wirkt.Es geht darum, ob es für den eigenen Körper zu viel war.
Warum mir dieses Thema persönlich so nah geht

PTBS ist für mich nicht nur ein Begriff – es ist Teil meiner Geschichte.
Nach meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester bin ich in die US Luftwaffe gegangen und war sechs Jahre dort. In dieser Zeit habe ich viele Menschen kennengelernt, die Erfahrungen mit sich tragen, die sich nicht einfach „ablegen“ lassen. Viele haben still gelitten. Viele haben funktioniert, weil es keine andere Option gab. Und viele hatten keinen Raum, um darüber zu sprechen.
Und Jahre später hat mich das Thema persönlich in einer Tiefe getroffen, die jede Sprache überfordert.
Mein Sohn Jaden hat sich das Leben genommen.
Seit diesem Tag begleiten mich und meine Tochter Formen von Trauma, die nicht sichtbar sind, aber im Körper weiterleben. In Momenten, in denen der Atem plötzlich stockt.Wenn das Herz schneller schlägt, ohne Grund. Wenn Geräusche, Orte oder Erinnerungen etwas auslösen, das man nicht steuern kann.
Trauma ist nicht immer laut. Es ist oft still, innerlich, zurückgezogen. Man sieht es Menschen nicht an – aber sie fühlen es jeden Tag.
Darum schreibe ich diesen Artikel. Nicht, weil ich Antworten auf alles habe. Sondern weil ich erlebt habe, wie wichtig sanfte Wege zurück in den Körper sind. Wege, die nicht überfordern.Wege, die Halt geben, während alles in einem versucht, sich zusammenzuhalten.
Aromatherapie, Atem, Berührung, Regulation – das sind keine „Heilsversprechen“. Es sind Schritte zurück in ein Gefühl von Sicherheit. Und manchmal ist genau das der Anfang.
Menschen mit PTBS wirken oft nach außen vollkommen funktional. Aber innerlich läuft etwas weiter, was man nicht sieht:
• innere Unruhe ohne klaren Auslöser
• Schlaf, der nicht erholsam ist oder stundenlang wach liegen
• ein Nervensystem, das schnell „anspringt“
• Reizüberflutung in Alltagssituationen
• plötzlich auftauchende Gefühle
• Schwierigkeiten, zu entspannen oder „anzukommen“
Man könnte sagen: Der Körper denkt, er muss noch reagieren – obwohl das Erlebte längst vorbei ist.
Das ist keine Schwäche. Es ist eine Schutzreaktion, die zu einem Dauerzustand geworden ist.
Der Weg der Heilung besteht daher nicht darin, sich zusammenzureißen oder darüber zu reden, bis es weg ist. Sondern darin, das Nervensystem sanft wieder in einen Zustand von Sicherheit und Regulation zu begleiten.
Dazu gehören:
• Atemtechniken
• Körperorientierte Trauma-Arbeit (z. B. Somatic Work, EFT/Klopfen)
• sanfte Berührung und Druckpunkte
• und Aromatherapie, weil Düfte direkt das limbische System erreichen, also das Zentrum unserer Gefühle, Erinnerungen und emotionalen Reaktionen.
In den nächsten Schritten schauen wir gemeinsam darauf:
• Wie Trauma im Nervensystem abgespeichert wird
• Warum Aromatherapie hier so wertvoll sein kann
• Welche Öle emotional stabilisieren, beruhigen und erden• Und wie eine achtsame Anwendung aussehen kann
Wie PTBS im Nervensystem entsteht – einfach erklärt
Unser Nervensystem hat eine Hauptaufgabe:Es soll ständig einschätzen, ob wir sicher sind oder reagieren müssen.
Dafür gibt es zwei grundlegende Zustände:
1. Parasympathikus: Ruhe, tiefer Atem, Verdauung, Regeneration, Verbindung, Schlaf.Das ist der Zustand, in dem wir uns zu Hause in uns selbst fühlen.
2. Sympathikus: Aktivierung, Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit. Dieser Zustand ist wichtig, wenn wir handeln müssen – zum Beispiel reagieren, schützen, klären oder flüchten.
Beide Zustände sind normal. Sie wechseln sich ständig ab.
PTBS entsteht, wenn ein Ereignis so überwältigend war, dass das Nervensystem nach der Situation nicht mehr zurück in die Ruhe gefunden hat.Der Körper „merkt“ sich den Alarm.
Das kann man sich vorstellen wie ein Rauchmelder, der losgeht, obwohl kein Feuer mehr da ist.
Es ist nicht „psychisch schwach“.Es ist kein „da musst du halt loslassen“.Es ist eine körperliche Reaktion, die hängen geblieben ist.
Was hat das limbische System damit zu tun?
Im Gehirn gibt es einen Bereich, der für:
• Gefühle
• Erinnerungen
• Schutzreaktionen
• Bindung
• Sinneseindrücke
zuständig ist. Das nennt man limbisches System.
Und genau dort werden:
• emotionale Erfahrungen gespeichert
• Gerüche verarbeitet
• und Stressreaktionen ausgelöst
Das bedeutet:Wenn ein Duft, ein Ort, ein Ton oder ein Gefühl den Körper an etwas erinnert, das einmal zu viel war, reagiert das limbische System sofort – bevor wir überhaupt bewusst nachdenken.
Warum sind ätherische Öle hier relevant?
Ätherische Öle gelangen innerhalb von Sekunden über den Atem direkt in das limbische System.Keine Umwege über Denken oder Logik.
Das bedeutet:
• Sie können das Nervensystem beruhigen, bevor Worte greifen
• Sie können Emotionen sanfter machen, ohne sie zu unterdrücken
• Sie können dem Körper Schritt für Schritt Sicherheit signalisieren
Nicht weil sie „magisch“ sind.Sondern weil sie sensorisch wirken. Über den Weg der Wahrnehmung. Direkt im emotionalen Zentrum.
Welche ätherischen Öle PTBS unterstützen können – und warum
Bei PTBS reagiert das Nervensystem schneller, intensiver und länger auf Reize.Das Ziel ist deshalb nicht „Gefühle wegmachen“, sondern den Körper wieder näher an einen Zustand von Sicherheit, Ruhe und Erdung zu bringen.
Dafür eignen sich besonders Öle, die:
• das Nervensystem beruhigen
• Atem und Herzschlag ausgleichen
• das limbische System entspannen
• Erdung im Körpergefühl fördern
• bei emotionaler Überflutung „Halt“ geben
Hier einige der wichtigsten – und warum gerade sie:
Vetiver
Vetiver wirkt tief erdend.Viele Menschen mit PTBS fühlen sich innerlich „wie nicht im eigenen Körper“. Vetiver hilft dabei, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.
• bringt Schwere und Stabilität
• hilft, den Körper zu spüren
• unterstützt Schlaf, wenn die Gedanken nicht aufhören wollen
Perfekt abends auf die Fußsohlen oder langsam inhalieren.
Sandelholz
Sandelholz wirkt beruhigend auf den Atem und gleichzeitig zentrierend.Es nimmt den inneren Druck, etwas tun zu müssen.
• gut bei dauerhaft hoher innerer Spannung
• unterstützt Meditation, Atemarbeit, EFT
• vermittelt „Ich darf jetzt stiller werden“
Besonders sanft in Momenten von Überforderung.
Bergamotte
Bergamotte hat eine ausgleichende Wirkung. Sie kann gleichzeitig beruhigen, wenn Nervosität hoch ist, und aufhellen, wenn Schwere überwiegt.
• lindert innere Unruhe
• verbessert die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren
• unterstützt die Verbindung zu Leichtigkeit im Alltag
Sehr gut als sanfte tägliche Begleitung.
Copaiba
Copaiba wirkt direkt auf das Endocannabinoid-System (ECS).Dieses System reguliert:
• Stressreaktionen
• Schlaf
• Schmerz
• emotionale Balance
Copaiba hilft dem Körper, Reaktionen herunterzufahren, die „zu laut“ geworden sind.
• beruhigt Reizbarkeit
• kann Flashback-Intensität reduzieren
• unterstützt tiefere Atmung
Sehr sanft, kein dominanter Duft – gut für sensible Menschen.
Valerian (Baldrian)
Valerian ist eines der stärksten nervenberuhigenden Öle.Vor allem hilfreich, wenn:
• Schlaf kaum möglich ist
• der Körper ständig „unter Strom“ steht
• innere Unruhe körperlich spürbar ist (Herz, Brust, Magen)
Es wirkt nicht „betäubend“, sondern entstauend.Der Duft ist intensiv, aber die Wirkung sehr tiefgehend.
Ideal abends oder nachts – nicht tagsüber.
Zitronenmelisse (Melissa)
Melisse wird häufig unterschätzt.Sie wirkt auf Herz- und Nervensystem gleichzeitig.
• beruhigt emotionale Überflutung
• hilft bei Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, innerem Erschöpftsein
• vermittelt ein Gefühl von „Ich bin gehalten“
Sie unterstützt besonders Menschen, die emotional viel getragen haben.
Weihrauch (Frankincense)
Weihrauch bringt Klarheit und innere Weite, wenn Gedanken sich festfahren.Er hilft, aus der Verkrampfung im Kopf zurück in Ruhe im Körper zu finden.
• unterstützt tieferen Atem
• macht Raum im Brustkorb
• beruhigt Grübeln und „Zittern im Nervensystem“
Sehr hilfreich als Grundlage in einer Mischung.
Orangen- oder Zitrusöle allgemein
Zitrusöle wirken aufheiternd und vor allem auch entlastend.
• lösen emotionale Anspannung
• bringen Licht in dunkle Momente
• machen Gefühle weicher, ohne sie zu verdrängen
Sie helfen dem System, nicht in Schwere festzukleben.
Kurz gesagt:
Vetiver, Sandelholz, Copabia, Valerian → Erdung, Beruhigung, körperliche Regulation
Melisse, Weihrauch → Herzraum, emotionale Verarbeitung
Bergamotte, Orange → Leichtigkeit, Entlastung, Nervensystem entspannen
Diese Öle wirken nicht, weil „es gut riecht“.Sondern weil sie direkt im limbischen System wirken, also dort, wo Stress- und Schutzreaktionen entstehen.

Diffuser Rezepte
1) Ankommen im Körper
für Momente, in denen du das Gefühl hast, du bist „oben“ und findest keinen Halt
2 Tropfen Vetiver
2 Tropfen Sandelholz
1 Tropfen Orange
Wirkt schwerend, beruhigt den Atem und hilft, den Körper wieder zu spüren.
2) Herzraum entlasten
für Traurigkeit, innere Schwere, Überforderung
2 Tropfen Melisse
2 Tropfen Weihrauch
1 Tropfen Bergamotte
Öffnet, ohne zu überfluten. Sehr sanft in emotional intensiven Phasen.
3) Abendruhe für das Nervensystem
wenn Gedanken kreisen und der Körper nicht „runterschaltet“
2 Tropfen Copaiba
1 Tropfen Valerian (Baldrian)
1 Tropfen Sandelholz
Dieser Duft ist tiefer, erdiger, ideal vor dem Schlafengehen.

Roller (10 ml) – für unterwegs oder Rituale
Bei allen Rollern:Tropfen in die Flasche geben und mit einem Trägeröl deiner Wahl auffüllen. Anwendungsorte: Herzraum, Solarplexus, Hinterkopf, Fußsohlen.
1) Beruhigung bei innerer Alarmbereitschaft
8 Tropfen Copaiba
4 Tropfen Weihrauch
2 Tropfen Vetiver
Hilft, wenn das System sofort anspringt, ohne dass „etwas passiert“ ist.
2) Herz & Gefühle weicher halten
6 Tropfen Melisse
6 Tropfen Bergamotte
4 Tropfen Sandelholz
Sanft, tröstend, ohne zu „pushen“. Gut in Momenten von Überforderung.
3) Abends zur Schlafregulation
6 Tropfen Valerian
4 Tropfen Copaiba
2 Tropfen Vetiver
2 Tropfen Orange (Auf Fußsohlen oder Herzraum, 30 Minuten vor dem Schlafengehen.)
Wirkt nicht wie „ausknipsen“, sondern wie „der Körper darf wieder sinken“.
Kleiner Hinweis zur Anwendung
Bei PTBS geht es nicht um „Intensität“, sondern um Sicherheit.Wenn ein Duft zu stark wirkt → Menge reduzieren oder Öl auf Stoff statt auf die Haut.
Es ist vollkommen okay, jeden Tag dasselbe Öl zu verwenden.Das Nervensystem liebt Wiedererkennbares.
Wichtiger Hinweis: Begleitung – nicht Alleinlösung
Aromatherapie ist keine Therapie im klassischen Sinn und ersetzt auch keine traumasensible Begleitung oder Psychotherapie. PTBS ist ein Zustand, in dem das Nervensystem weiter in Anspannung lebt, obwohl die belastende Situation vorbei ist.
Das bedeutet - Heilung geschieht auf mehreren Ebenen:
• Körper
• Emotionen
• Erinnerung
• Nervensystem
• sichere Beziehungen
Ätherische Öle können dabei ein Baustein sein.Sie wirken dort, wo Worte oft noch keinen Zugang haben:im limbischen System, im Atem, im Körpergefühl.
Sie können helfen:
• den Körper wieder sicherer zu fühlen
• die Atemfrequenz zu regulieren
• Flashbacks abzuschwächen
• inneren Druck zu reduzieren
• den Übergang in Ruhe leichter zu machen
Doch sie arbeiten sanft.Ohne zu überfahren. Ohne zu „pushen“.
Und genau das braucht ein überlastetes Nervensystem:Sanftheit. Wiederholung. Sicherheit.
Hast du Interesse an einer intensiv Aromatherapie Ausbildung?







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